Die Eiszeiten brachten die Bäume zum Wandern !

Bäume wandern nicht, werden Sie vielleicht jetzt denken! Natürlich bewegen sich einzelne Baumindividuum nicht von der Stelle. Die Eiszeiten jedoch haben es bewirkt, dass Bäume über Generationen hinweg ihr Verbreitungsgebiet ändern mussten, um zu überleben. Die Pollen der Baumarten lassen sich in den Schichten der Moorböden über Jahrtausende zurückverfolgen. Nimmt man heute eine Probe, so kann man anhand der Häufigkeit der gefundenen Pflanzenpollen die Zusammensetzung des "Waldes der Vergangenheit" versuchen zu rekonstruieren.

Zeitliche Übersicht der letzten 14000 Jahre:

Jede Baumart kann nur unter den ihr eigenen Klimatolleranzen existieren. Eine Kiefer z.B. verträgt größere Kälte als eine Buche. Ändern sich diese Klimabedingungen, so wird sich eine Population über einen langen Zeitraum hinweg versuchen dieser Änderung anzupassen.

Während der letzten Jahrtausende gab es mehre Eiszeiten die auf die Bewaldung Europas einen entscheidenden Einfluss hatten. Eine Verlagerung der Pole der Erde prägte das Angesicht Europas während des Pleistozäns. In der erdgeschichtlichen des Pleistozäns gab es dutzende Kalt- (Glaziale oder Kryomere) und Warmzeiten (Interglaziale oder Thermomere). In den Glazialzeiten dehnten sich Eisflächen über den nördlichen europäischen Kontinent aus. In ihrer größten Ausdehnung, mit bis zu 7 Mio. Quadratkilometern, bedeckten sie fast zwei Drittel des Festlandes. In den Warmzeiten zogen sie sich zurück.


Diese Bedingungen führten zu "Wanderungsbewegungen" der Flora. Einer Arealerweiterung in den Warmzeiten, folgte ein Schrumpfen der Areale in den Kaltzeiten. Häufige Klimawechsel und ständige Veränderungen der Niederschlagsmengen führten zu einer fortschreitenden Artenverarmung, da die ost west Ausdehnung der Alpen als natürliche Barriere die Wanderungsbewegungen der Populationen wesentlich erschwerte und zum Aussterben vieler Baumarten führte, die heute noch in Nordamerika vorkommen und einst auch hier heimisch waren. Dies sind z.B. der Tulpenbaum (Lireodendron tulipifera), die Douglasie (Pseudotsuga menzesii) oder der Mammutbaum (Sequojadendron giganteum).
Die Eiszeit überdauerten unsere Baumarten in warmen und niederschlagsreichen Rückzugsgebieten im Mittelmeergebiet, und in klimatisch begünstigten Tälern am West- und Ostrand Alpen, der Appeninen Halbinsel und auf der Balkan-Halbinsel.

Nach der letzten Eiszeit drängten sich die Pflanzenarten zurück in das vom Eis freigegebene Tundrengebiet. Pflanzen mit leichten Samen konnten sich schneller ausbreiten als solche mit schweren Samen. Birkenpollen werden vom Wind aufgenommen Kilometerweit verblasen. Eicheln dagegen fallen plump unter die Baumkrone und müssen auf Tiere warten, die sie weiter transportieren.
Die ersten "Siedler" unter den Baumarten in der frischen Tundra waren somit auch die Birken, gefolgt von den Kiefern. Lichte Wälder aus Birken und Kiefern bedeckten tausende von Jahren lang das Antlitz Europas.
Mit dem immer weiter zurückweichenden Eis verbesserten sich auch die Klimabedingungen und in den Birken- Kiefernwald mischten sich langsam andere Arten wie Hasel und Eichen Ulmen Eschen und breitenden sich aus.
Sie dominierten das Waldbild bis zur Ausbreitung der Buche, die später mit Ihrer Schattentoleranz in der Lage war die anderen Baumarten zu unterwandern. Ohne Einmischung des Menschen wäre die Verbreitung der Buche vermutlich Richtung Norden weitergegangen.

 


Geschundener Wald !
Der Mensch hat seit langer Zeit verändernd auf die Umweltbedingungen und die Verbreitung der Baumarten eingewirkt. Es wird vermutet, dass der Mensch schon während der frühen nacheiszeitlichen Verbreitung der Bäume in der Steinzeit auf aufgegebenen Ackerflächen und um Siedlungen herum bestimmte Arten des Holzes oder der Früchte wegen begünstigte.
Der Einfluss des Menschen auf den Wald in Mitteleuropa stieg mit der stetigen Bevölkerungsentwicklung. Die Menschen wurden sesshaft und brauchten Ackerland, um sich zu ernähren. Die Wälder mussten weichen und wurden gerodet. Bis ins Mittelalter hinein existierten noch großflächige Waldgebiete in Mitteleuropa.

Holz war der "Alleskönnerrohstoff" dieser Zeit. Die Häuser , die Gegenstände des täglichen Lebens waren aus Holz. Holz war Brennstoff für die heimischen Feuer. Die Bäume wurden zur "ausgebeuteten Magd" in der Agrargesellschaft. In den Wald wurde das Vieh getrieben und fraß die Verjüngung. Die entstehenden Industriegewerbe wie Glasverhüttung und Salzgewinnung wurden meist direkt im Wald errichtet, denn sie verbrauchten Unmengen an Holz. Der Mensch bevorzugte Baumarten wie Eichen und Buchen, denn von den im Herbst herunterfallenden Eicheln und Bucheckern konnten sich ganze Schweineherden ernähren.

Der Wald hatte die Entnahme von Laubstreu und Futterlaub zu erdulden. In der Konsequenz führte das vielerorts zur Bodenverarmung und fehlender Verjüngung.

Gegen Ende des Mittelalters gab so wenig Wald wie noch nie in Mitteleuropa. Das Holz wurde zur Mangelware und zwang so die Menschen zu einer geregelten Bewirtschaftung, wenn nicht der ganze Wald verschwinden sollte. Auf den verarmten Böden wurden seit Beginn des 17. Jahrhunderts großflächig Nadelhölzer gepflanzt, denn diese waren leicht zu vermehren, anspruchsloser, und lieferten das schneller das begehrte Konstruktionsholz als Laubhölzer. Es entwickelten sich das Konzept der Nachhaltigkeit. Forstliche Strategien entwickelten sich schnell und ein Neuer Wissenszweig entstand.

Im 19. Jahrhundert stellten die veränderten Bedürfnisse der Industriegesellschaft neue Anforderungen an den Wald. Seine Fläche war sogar leicht im Begriff zu wachsen aber menschliche Umweltverschmutzungen führten von nun an zu Schädigungen, Versauerung des Bodens. Paradoxerweise führt gleichzeitig aber auch der vermehrte Stickstoffeintrag, der wie ein konzentrierter Dünger wirkt, zu verstärktem Wachstum

Heute kann man den Wald Mitteleuropas als den am wenigsten natürlichen Wald auf der ganzen Welt betrachten. Großflächige Monokulturen bestimmen sein Bild.
Und doch sind die kleinen Reste naturnahen Waldes doch so faszinierend für uns Menschen.